Arbeitsstätten in der Textil- und Bekleidungsindustrie

Arbeitsstätten in der Textil- und Bekleidungsindustrie

Unter der Textilindustrie werden diejenigen Industrien zusammengefasst, die Textilrohstoffe verarbeiten. Sie verwenden einheimische Naturfasern wie Flachs, Hanf (Gewerbepflanzen) und Wolle oder eingeführte wie Seide, Baumwolle, Jute und Bastfasern sowie industriell hergestellte Chemiefasern. Die einzelnen Produktionszweige werden in die vier Verarbeitungsstufen der Spinnstoffaufbereitung (Wäscherei, Kämmerei), der Spinnstoffverarbeitung (Spinnerei), der Garnverarbeitung (Zwirnerei, Weberei, Wirkerei, Strickerei, Flechterei) und der Textilveredelung (u.a. Bleicherei, Färberei, Stoffdruck, Stickerei) unterteilt.
Diese Branchen werden z.T. auch unter der Bekleidungsindustrie erfasst. Der Begriff Bekleidungsindustrie beinhaltet heute im Wesentlichen die industrielle Herstellung von Kleidung (ohne Schuhindustrie, teils ohne Wirkerei und Strickerei). Handwerkliche Betriebe der Bekleidungsbranche (z.B. Massschneiderei) werden dem Gewerbe zugezählt. Die Produktionsformen, die dem Maschinenzeitalter und somit der Textilindustrie vorausgingen, werden dem Textilgewerbe zugeordnet.
Während die Textilindustrie in der Schweiz heute eine durchrationalisierte und kapitalintensive Branche darstellt, ist die Bekleidungsindustrie noch immer ein sehr arbeitsintensiver Wirtschaftszweig, der durch ein verhältnismässig tiefes Lohnniveau charakterisiert ist.

Ursprung und Entwicklung
Wie im übrigen Europa handelt es sich bei der Textilindustrie auch in der Schweiz um den ältesten Industriezweig. Zu dem ihr vorausgehenden Textilgewerbe gehörten primär die Textilhandwerke, die auf Massanfertigung eingerichtet waren. Ausserhalb des Handwerks zählten das Spinnen und Weben zu den Tätigkeiten der bäuerlichen Hauswirtschaft, die sich mit der Bevölkerungszunahme ab dem 15. Jahrhundert zum Nebenverdienst der armen Landbevölkerung wandelten. Die steigende Nachfrage nach Textilprodukten für den Verbrauch im Inland oder den Export zwang ab Ende des 16. Jahrhundert zur massenweisen Herstellung textiler Güter.
Während sich die Manufaktur des 17. und 18. Jahrhundert durch räumliche Zentralisierung der Produktion als Vorläuferin der Fabrik etablierte, bestand die Heimarbeit in der dezentralen gewerblichen Produktion der zu Hause in ihren Stuben arbeitenden Heimarbeiter.
Das sogenannte protoindustrielle Textilgewerbe erfasste auch die Bevölkerung auf dem Lande, was zur Entstehung von Gewerberegionen führte, in denen städtische und ländliche Haushalte gleichermassen in den Produktionsprozess eingebunden waren. Am Ende des 18. Jahrhunderts war die Protoindustrialisierung im schweizerischen Textilgewerbe weit fortgeschritten. Letzteres beschäftigte Zehntausende Unternehmer und Arbeiter, davon 5% in Manufakturbetrieben und 95% in der Heimarbeit. In der ersten Hälfte 19. Jahrhunderts begann allmählich die Mechanisierung der Textilindustrie. Um 1870 erreichte sie ihren Höhepunkt mit knapp 150'000 Beschäftigten oder 12% aller Erwerbstätigen in der Schweiz.
Um im Wettbewerb mit der europäischen und nordamerikanischen Textilindustrie konkurrenzfähig zu bleiben, wurde die Modernisierung der maschinellen Ausrüstung vorangetrieben. Bereits nach 1900 lief die automatische Produktion an. Ab den 1960er Jahren wurde die Produktion zunehmend in kostengünstigere Länder in Osteuropa und Asien ausgelagert, was den Schrumpfungsprozess der schweizerischen Textilindustrie beschleunigte: Zwischen 1965 und 2001 sank die Zahl der Arbeitsstätten um mehr als die Hälfte und diejenige der Beschäftigten gar um rund vier Fünftel. 2017 zählte die Branche der Textil-, Bekleidungs- und Lederwarenindustrie 2900 Unternehmen und 14800 Beschäftigte (BFS 2020).

Der räumliche Schwerpunkt der Textil- und Bekleidungsindustrie befindet sich in der Ostschweiz. Aber auch in verschiedenen Seitentälern des Kantons Aargau ist dieser Industriezweig nach wie vor stark vertreten. Wichtigster «Textilkanton» ist – ein weiteres Erbe der Industrialisierungsgeschichte – der Kanton St. Gallen. Im Kanton Tessin ist die Bekleidungs- und Lederindustrie stark verbreitet. Alle drei Branchen weisen aber auch gesamtschweizerisch sehr hohe Anteile ausländischer Beschäftigter auf.

Textquellen

Über das Thema

Veröffentlichungsdatum

26. November 2010

Letzte Aktualisierung

10. Februar 2022