Burgen und Schlösser in der Schweiz nach Bauperiode

Burgen und Schlösser in der Schweiz nach Bauperiode

Unter dem Begriff Burg ist grundsätzlich eine hoch- und spätmittelalterliche Wehranlage zu verstehen, die gleichzeitig Angehörigen der Oberschicht (Adel) als Wohnsitz diente. Sie bildete den Mittelpunkt eines herrschaftlich organisierten Güter- und Rechtsverbands sowie eines Wirtschaftsbetriebs und repräsentierte mit ihren Bauformen Stand, Macht und legitime Herrschaft. In den lateinischen Quellen werden solche Anlagen meist als castrum, seltener als castellum, fortalicium oder munitio bezeichnet. Neben den Begriff Burg traten vom 13. Jh. an die Synonyme Schloss, Haus oder Feste. Vom 15. Jh. an verband sich der Begriff Schloss immer häufiger mit bestimmten Burgnamen (z.B. Schloss Wildenstein). In der modernen Fachterminologie bedeutet Burg den mittelalterlichen Wehrbau, Schloss den neuzeitlichen Herrensitz ohne ausgesprochenen Wehrcharakter. Wehr- und Sperrfunktionen kamen auch verschiedenen anderen Formen von Befestigungen zu.

Burgenbau und Herrschaftsbildung im Hochmittelalter
Zwischen dem 10. und dem 15. Jh. sind im Gebiet der Schweiz ca. 2000 Burgen entstanden. Nicht alle existierten gleichzeitig, manche wurden verlassen, bevor andere errichtet wurden. Die intensivste Bautätigkeit fällt in das 13. Jh. Nach 1350 erfolgten nur noch wenige Neugründungen. Die Errichtung von Burgen ist aufs engste mit dem Prozess der mittelalterlichen Herrschaftsbildung verbunden. Als Zentren herrschaftlicher Güterkomplexe übernahmen die Burgen vom 10. Jh. an die Funktion der frühmittelalterlichen Herrenhöfe (Fronhof). Letztere wurden oft durch Burgen abseits der dörflichen Siedlungen ersetzt oder direkt zu Burgen umgestaltet. Viele Burgen entstanden im Rahmen des herrschaftlichen Landesausbaus. Manche Burgengründungen erwiesen sich als Fehlschläge und blieben unvollendet (z.B. Loppburg, Gem. Hergiswil NW).
Früheste Träger des Burgenbaus waren edelfreie und gräfliche Familiengruppen. Vom 12. Jh. an beteiligten sich ländliche und städtische Kleinadlige (Ritter, Edelknechte, Ministerialen) immer häufiger daran, teils selbständig auf gerodetem Anwesen (Allod), teils als Vasallen und Dienstleute von landesherrlichen Machthabern. Das ursprünglich königliche, später landesherrliche Befestigungsrecht führte im savoyischen Machtbereich im 13. Jh., in der übrigen Schweiz vom 14. Jh. an zur Errichtung von Burgen als territorialherrschaftliche Verwaltungszentren; diese wurden von Vögten (Vogteien) oder Kastlanen bewohnt.

Die Burgen im Spätmittelalter
Zwischen dem 14. und 16. Jh. wurden in der deutschen, italienischen und rätoromanischen Schweiz gegen drei Viertel der bestehenden Burgen verlassen. In der französischen Schweiz blieben sie häufiger erhalten, wurden aber meist zu Schlossbauten umgewandelt. Hinter dem "Burgensterben" des Spätmittelalters stecken territorialpolitische, wirtschaftliche, militärische und kulturell-gesellschaftliche Ursachen. Kriegerische Zerstörungen sowie Naturkatastrophen (Erdbeben von Basel 1356) bildeten nur selten den Grund für eine definitive Preisgabe. Die Güter verlassener Burgen wurden oft von den einstigen Versorgungshöfen aus weiter bewirtschaftet. Im Zuge der spätmittelalterlichen Territorialbildung wurden die weiter benützten Burgen teils in obrigkeitliche Verwaltungssitze (Landvogteischlösser) umgestaltet, teils in private Landsitze ohne Herrschaftsfunktionen. Auf der Jagd nach Titeln und Wappen übernahmen reiche Stadtbürger abgewirtschaftete Burgsitze. In stadtnahen Weiherhäusern wurden gelegentlich zur Umgehung der Zunftbestimmungen Gewerbebetriebe eingerichtet. Bauliche Anpassungen an die Kampftechnik mit Feuerwaffen erfolgten in bescheidenem Ausmasse, konsequent nur ausnahmsweise (Mesocco, Montvoie, Morges).

Frühneuzeitliche Schlösser
Für die Entstehung monumentaler Renaissance-, Barock- und Rokokoschlösser fehlten in der Schweiz die politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftliche Voraussetzungen. Ausnahmen waren die fürstbischöflichen Residenzen in Chur und Pruntrut sowie die Pfalz des Fürstabts von St. Gallen. Während die eidgenössischen Orte bei der Umgestaltung ihrer Landvogteischlösser eher sparsame Zurückhaltung übten (wodurch sich viel mittelalterliche Bausubstanz erhalten hat) und bescheidene Neubauten bevorzugten (Lottigna, Blankenburg), entfaltete die ländliche und v.a. die städtische Oberschicht (Patriziat) mit der Errichtung repräsentativer Landsitze eine rege private Bautätigkeit. In der Zentralschweiz ging der Anstoss zum Bau von Schlössern v.a. von Geschlechtern aus, die durch Solddienst zu Reichtum und Adelstiteln gelangt waren (Freulerpalast in Näfels, A Pro in Seedorf, Altishofen). Vornehme Landsitze wurden in den ennetbirgischen Vogteien von Innerschweizer Amts- und Herrschaftsträgern wie den von Beroldingen (Magliaso, Villa Favorita in Lugano) oder den A Pro (Ca' di Ferro in Minusio) sowie von der einheimischen Oberschicht wie den Marcacci (Brione Verzasca) errichtet. In der westlichen Schweiz gehörte der Besitz kleiner Schlösser mit Landgütern zu den gesellschaftlichen Normen gehobenen Lebensstils. Vom 18. Jh. an bauten sich auch städtische Industrielle repräsentative Landsitze (z.B. Ebenrain in Sissach).
Bis ins 17. Jh. hinein orientierte sich der Schlossbau noch an den Formen der mittelalterlichen Wehrarchitektur, indem er dekorativ verfremdete Türme, Zinnen, Erker und Schiessscharten verwendete. Gegen 1700 setzte sich immer mehr die Anlehnung an italienischen und französischen Vorbilder (Versailles) durch, wozu auch das Anlegen von französischen Gärten gehörte. Oft wurden mittelalterliche Baukörper, auch Ruinen, umgestaltet (z.B. Bottmingen, Jegenstorf) oder durch Neubauten ersetzt (z.B. Mauensee). Nicht selten wurden Schlossneubauten im Vorburgbereich der aufgelassenen Burgen errichtet (z.B. Pleujouse, Trostburg) oder in deren Umgebung an bequemer zugänglichen Standorten errichtet (Pfeffingen nach Aesch BL, Grasburg nach Schwarzenburg). Neugründungen, in der französischen Schweiz häufiger als in der übrigen Schweiz, erfolgten zunehmend vom 17. Jh. an. Mit der Errichtung von Schlössern im Empirestil (Arenenberg) klang der aus mittelalterlichen Traditionen erwachsene Schlossbau zu Beginn des 19. Jh. aus. Romantisch-historistische Versuche, die mittelalterliche Burgenarchitektur im 19. und 20. Jh. neu zu beleben, z.T. durch die freie Rekonstruktion von Ruinen, sind in der Schweiz Einzelfälle geblieben (z.B. Neu-Habsburg, Reichenstein BL, Schadau, Vaumarcus).

Textquellen

Über das Thema

Veröffentlichungsdatum

10. März 2021

Letzte Aktualisierung

9. Februar 2023