Geschlechtsverteilung an Schweizer Hochschulen (Studierende und Professorinnen/Professoren)
Kategorien: Gesellschaft und Kultur › Bildung
Der steinige Weg zur Zulassung von Frauen zum Universitätsstudium
Im 19. Jahrhundert waren Frauen von der höheren Bildung weitgehend ausgeschlossen. In der Aufhebung der Schranken geriet die Schweiz in eine europäische Vorreiterrolle. In den 1860er und 1870er Jahren wurden Frauen in Zürich, Bern, Genf, Lausanne und Neuenburg zu Studium und Examen zugelassen. In Basel blieb ihnen der reguläre Zugang zunächst versperrt. Ab 1890 wurden Frauen versuchsweise zum Studium zugelassen, jedoch beschränkt auf Frauen die ihre schulische Vorbildung in Basel erworben haben.
Im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Staaten studierten Frauen und Männer in der Schweiz seit der Zulassung von Frauen gemischt-geschlechtlich. Die Schweizer Unis zogen schnell ehrgeizige junge Frauen aus wohlhabenden Familien aus Europa an. Sie kamen, um Mathematik, Medizin, Naturwissenschaften, Psychologie oder Rechtswissenschaften zu studieren.
Um 1900 waren fast alle Studentinnen an den Schweizer Universitäten Ausländerinnen, und bis zu 80 Prozent stammten aus dem ehemaligen Russischen Reich. 1906 machten ein Viertel aller Hochschulabsolventinnen weltweit ihren Abschluss in der Schweiz. Sie kamen in ein Land mit einem gut ausgebauten tertiären Bildungsnetz, das Frauen neue Möglichkeiten bot.
Die Entscheidung, in der Schweiz zu studieren, war jedoch nicht leicht. In den meisten Fällen war es Frauen in europäischen Ländern nicht erlaubt, ohne die Erlaubnis ihres Vaters oder Ehemanns zu reisen. Dies führte zu vielen überstürzten Ehen oder Scheinehen. Ausserdem waren Studentinnen in einer Zeit, in der von Frauen noch erwartet wurde, dass sie heiraten und Kinder gebären, mit einem sozialen Stigma konfrontiert.
Doch während ausländische Frauen die Schweiz als Tor zur Hochschulbildung betrachteten, blieben die Universitäten für Schweizerinnen erstaunlich leer. Die Universitäten erklärten zwar formell die Gleichstellung der Geschlechter, nahmen aber nur einheimische junge Männer auf. Eine der Zulassungsvoraussetzungen war der Besuch des Gymnasiums, der Frauen verwehrt blieb. Die Mädchenschulen in der Schweiz boten nicht das gleiche Programm an. Um an der Universität zugelassen zu werden und die Beschränkungen zu umgehen, mussten sie teure Privatkurse besuchen und Aufnahmeprüfungen ablegen.
Ein eigentlicher Mentalitätswandel fand nach dem Ersten Weltkrieg statt, als der Krieg die Frauen in die Arbeitswelt zwang. Nach und nach hoben die Schweizer Universitäten ihre Zulassungsbeschränkungen auf. In der Zwischenzeit hatte der Krieg den Zustrom von russischen Studentinnen gestoppt.
1922 wurden in Genf die ersten weiblichen Gymnasien eröffnet, die Maturazeugnisse ausstellten und es Mädchen ermöglichten, sich an Universitäten zu bewerben. 1924 wurde in Bern der Schweizerische Verband der Akademikerinnen (SVA) gegründet, um die Rechte der Hochschulabsolventinnen zu verteidigen.
Um 1930 zeigten die offiziellen Statistiken, dass die meisten gebildeten Frauen in der Schweiz sich für eine Tätigkeit im pädagogischen oder medizinischen Bereich entschieden, entweder als Ärztin, Apothekerin oder Zahnärztin. Keine entschloss sich für eine Tätigkeit als Ingenieurin. Auch das Rechtswesen blieb ihnen weitgehend verschlossen.
Als weltweit erste Professorin mit vollen akademischen Rechten an einer koedukativen Universität und als erste reguläre Privatdozentin in der Schweiz geht die im heutigen Weissrussland geborene Anna Tumarkin in die Geschichte ein. Sie erhielt ihre Lehrbefugnis (Venia Docendi für Philosophie) im Jahr 1898 an der Universität Bern im Alter von nur 23 Jahren.
Geschlechtsverteilung der Studierenden und Professoren
Bei der heutigen Geschlechtsverteilung der Studierenden an Schweizer Hochschulen gibt es einen signifikanten Unterschied zwischen generellen Hochschulen einerseits und technischen Hochschulen, sowie der auf Wirtschaft spezialisierten Universität St. Gallen, andererseits. Während der Frauenanteil an den allgemeinen Universitäten zwischen 1980 und 2024 von 30-50% bis auf ca. 60% anstieg, entwickelt sich parallel dazu dieser Anteil an technischen Hochschulen und der Universität St. Gallen, die auf Wirtschaft spezialisiert ist, auf deutlich tieferem Niveau: 10-13% im Jahr 1980 bis 30-35% im Jahr 2024, also durchschnittlich um 15-20 Prozentpunkte tiefer als an den allgemeinen Universitäten. Innerhalb der Universitäten lag der Frauenanteil bei den Westschweizer Hochschulen deutlich höher als in der Deutschschweiz, aber bis zum Jahr 2024 haben sich die Anteile der Studentinnen an den Universitäten einander angenähert.
Deutlich tiefer ist der Frauenanteil bei den Professoren. Lag dieser 1980 zwischen null und fünf Prozent, ist er im Jahr 2024 an den allgemeinen Hochschulen auf 30-35% angestiegen, bei den beiden technischen Hochschulen liegt dieser um ca. 5 Prozentpunkte tiefer. Der Professorinnenanteil an der auf Wirtschaft spezialisierten Universität St. Gallen entwickelte sich zwischen 1980 und 2010 in etwa parallel zu den technischen Universitäten, nach 2010 aber dann deutlich dynamischer und bildet schliesslich 2024 zusammen mit der Universität Genf den Spitzenwert.
Geschichte der Schweizer universitären Hochschulen
Vor 1000 bestand das höhere Bildungswesen in der Schweiz aus Klosterschulen; vom späten 12. und 13. Jahrhundert an kannten die meisten Städte Lateinschulen (Gymnasium). Im Mittelalter besuchten Studenten aus der heutigen Schweiz vor allem die Universitäten Wien, Heidelberg, Paris und Orléans sowie jene in Italien. Die Gründung der Universität Basel 1460 folgte der europäischen Dynamik, welche dem deutschen Modell mit vier Fakultäten entsprach.
Die Reformation brachte in den reformierten Orten für die Ausbildung von theologischem Fachpersonal einen neuen Typ von Hochschule hervor: die Hohen Schulen (Akademien) in Zürich (1525), Bern (1528), Lausanne (1537) und Genf (1559). Alle entsprachen einer theologischen Fakultät mit Schwerpunkt Alte Sprachen. Mit der Entwicklung der frühneuzeitlichen Wissenschaften kamen neue Disziplinen wie Recht und Mathematik dazu. Die Hohen Schulen wandelten sich jedoch nicht zu Institutionen mit mehreren Fakultäten.
Die europäische Aufklärung beeinflusste die universitäre Bildung und die höhere Berufsbildung in der Schweiz. Obwohl mehrere Versuche zur Schaffung einer Nationaluniversität scheiterten, prägten sie während mindestens eines halben Jahrhunderts die Entwicklung der Universitäten, bevor 1855 mit dem Eidgenössischen Polytechnikum Zürich die bescheidenere Variante einer nationalen Technischen Universität gegründet wurde (Eidgenössische Technische Hochschule = ETH). Auslöser für die Gründung der ETH und dem EPFL-Vorläufer «École Spéciale de Lausanne» war vor allem der Bedarf nach Ingenieuren im Strassen-, Eisenbahn- und Brückenbau (Bauingenieure, Vermesser, Kartografen), nach Architekten, Maschinenbauingenieuren und nach Fachleuten in der industriellen Chemie und Forstwirtschaft. Ergänzt wurden diese Fachrichtungen durch die Grundlagefächer Mathematik, Naturwissenschaften und einige allgemeinbildende literarisch-staatswirtschaftliche Fächer.
Mit der Mediationsakte von 1803 ging die Schulhoheit an die Kantone zurück. Bern erhob daraufhin 1805 die Hohe Schule zur Akademie, die sich mit vier Fakultäten in Richtung Universität entwickelte, wobei die Wissenschaftsfreiheit und das Promotionsrecht noch fehlten. Die Akademie war aber aus der kirchlichen Aufsicht herausgelöst, stand unter der Leitung einer Behörde, Kuratel genannt, und wurde ins staatliche Bildungswesen integriert.
Zu Beginn der Regeneration (1830 – 1848) folgten die in den Kantonen Zürich und Bern gegründeten Universitäten dem Modell der deutschen Reformuniversität. Als Spitze des regenerierten kantonalen Schulwesens realisierte Zürich 1833 die Universität Zürich mit garantierter Lehr- und Forschungsfreiheit, mit Promotionsrecht und Nachwuchsförderung. 1834 öffnete die Universität Bern ebenfalls ihre Tore.
Schweizer Universitäre Hochschulen heute
Das heutige Schweizer Bildungssystem kennt verschiedene Hochschulen in der Tertiärstufe: Universitäre Hochschulen (UH), Fachhochschulen (FH) und Pädagogische Hochschulen (PH). Als universitäre Hochschulen werden die kantonalen Universitäten und die beiden vom Bund getragenen Eidgenössischen Technischen Hochschulen ETHZ und EPFL. Zusätzlich gibt es noch etliche andere Institutionen des Hochschulbereichs, wie zum Beispiel IHEID oder die FernUni Schweiz. Diese wurden nicht in dieser Karte integriert.
72% der Studierenden an den Schweizer Hochschulen geben an, neben ihrem Studium einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, darunter weisen 61% der Studierenden einen Beschäftigungsgrad von maximal 40% auf. Der Zeitaufwand für das Studium während einer typischen Semesterwoche beträgt durchschnittlich 33,3 Stunden. 50% der finanziellen Ressourcen stammen aus der Familie, 42% aus der Erwerbstätigkeit, 4% aus Stipendien/Darlehen. Das Durchschnittsalter aller Studierenden beträgt 26 (Kennzahlen 2024).
Die Universität Zürich ist gemessen an der Anzahl der Studierenden und Professoren die grösste Universität der Schweiz mit etwa 29400 Studierenden und etwa 750 Professoren (Kennzahlen 2024).
Textquellen
- Historisches Lexikon der Schweiz (2013): Universität
- Wikipedia (2025): Liste der Hochschulen in der Schweiz
- Historisches Lexikon der Schweiz (2012): Eidgenössische Technische Hochschulen (ETH)
- Clot (2022): Als Frauen die Schweizer Unis eroberten. swissinfo.ch
- Universität Basel (2010): Anfänge des Frauenstudiums: 1860er bis 1920er
- Wikipedia contributors (2025): Anna Tumarkin
- BFS (2024): Soziale und wirtschaftliche Lage der Studierenden
- BFS (2015): Das Bildungswesen in der Schweiz (vereinfacht)
- ETH Zürich (2026): Geschichte des Departement D-BAUG an der ETH Zürich
Datenquellen
- BFS: Studierende an den universitären Hochschulen nach Jahr, Fachrichtung, Geschlecht und Hochschule
- BFS: Personal der universitären Hochschulen nach Personalkategorie, Geschlecht und Hochschule - in Personen
Dateneigner: Atlas der Schweiz (AdS), Bundesamt für Statistik (BFS)
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