Gletschermächtigkeit
Kategorien: Natur und Umwelt › Eis und Schnee › Gletscher
Mit dem Rückgang der Eiszeitgletscher auf holozäne bzw. neuzeitliche Grössenordnung (z.B. wie um 1850) ging vor rund 11'600 Jahren der Zeitabschnitt des alpinen Spätglazials zu Ende. Seither schwankten die Alpengletscher auf höherem Temperaturpegel und bei erstaunlich geringer Amplitude (±1 °C) nur noch innerhalb eng begrenzter räumlicher Bandbreiten. Für den Zeitraum der letzten 11'600 Jahre (Holozän, Postglazial, Nacheiszeit) können mit gletschergeschichtlichen Methoden acht grössere Vorstosszyklen und ebenso viele Schwundphasen nachgewiesen werden. Die Gletscherumrisse und Zungenpositionen erreichten in diesen holozänen Kaltphasen stets etwa ähnlich grosse Ausdehnungen und Reichweiten.
Die Vorstossperiode von 1850 bildet mit ihrem markanten Moränengürtel (End- und Ufermoränen) Kulmination und Abschluss einer über mehrere Jahrhunderte andauernden Periode mit allgemein grossen Gletscherausdehnungen. Man bezeichnet diese Phase gemeinhin als die «Kleine Eiszeit» (Zeitraum ca. 1250–1850). Die seither eisfrei gewordenen Vorfeldgebiete sind an den frischen Schuttflächen und dem erst spärlichen Vegetationsbewuchs (Pionierpflanzen, Sukzessionsstadien) gut erkennbar. Diese Vorfeldareale wurden in den kühlen Abschnitten des Holozäns wiederholte Male mit Eis zugedeckt und in den Schwundphasen wieder freigegeben. Der Gletscherhochstand von 1850 gilt deshalb als eine Art Schlüsselgrösse zur Abschätzung und Kalibrierung der holozänen Klimaschwankungen.
Anhand historischer Belege (z.B. Kartenaufnahmen und Bilddarstellungen) aus dem Zeitraum um die Mitte des 19. Jahrhunderts ist diese Phase gut dokumentiert. Im Rahmen der ersten topografischen Gesamterfassung der Schweiz (für die Dufourkarte im Massstab 1:100'000) wurden im Alpenraum die Gletscher gerade etwa zum Zeitpunkt ihrer letzten Hochstandsausdehnung festgehalten.
Glazialmorphologische Befunde ermöglichten eine detaillierte Rekonstruktion der Gletscherumrisse von 1850. Im Vergleich zur aktuellen Situation wurden so umfangreiche Datengrundlagen für die Darstellung und Analyse des «Jahrhundertschwundes» erhoben.Seit 1850 hat sich die Vergletscherung der Schweizer Alpen insgesamt von 1800 km² auf 1300 km² im Jahr 1973 und auf 860 km² im Jahr 2023 verringert. Bezogen auf die Fläche der Schweiz hat sich der vergletscherte Anteil von 4.4% auf knapp 2% reduziert. Grosse Gletscher (z.B. Grosser Aletsch, Gorner, Morteratsch) verzeichneten zwar bezüglich der Flächen-, Volumen- und Längenwerte absolut gesehen die umfangreichsten Rückgangsbeträge. Sie erlitten aber mit Verlustanteilen zwischen 10–25% geringere Einbussen als die mittelgrossen (30–50%) oder die kleinen Gletscher (50–80%). Mehrere hundert kleinere Firnflecken sind im Verlauf der letzten 150 Jahre ganz weggeschmolzen. Die Schwundtendenz der Gletscher hält gegenwärtig an und scheint sich, der aktuellen Klimaentwicklung folgend, tatsächlich zu beschleunigen (Gletscherschwundszenario 2050).
Textquellen
- Universität Freiburg (2014): Gletscherschwund: Eisfläche nur noch so gross wie der Kanton Schwyz. Freiburg: Universität Freiburg
- Huss et al. (2025): GLAMOS, 2026. Swiss Glacier Bulletin 2025
- Huss et al. (2025): Gletscher der Schweiz. Zustand, Prognosen und Bedeutung. Swiss Academies Factsheets 20 (2)
Datenquellen
- Grab (2020): Swiss Glacier Thickness – Release 2020. ETH Zürich
Dateneigner: Versuchsanstalt für Wasserbau, Hydrologie und Glaziologie, ETH Zürich (VAW)
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