Grosse Wasserfälle

Grosse Wasserfälle

Morphologische Typisierung

Ein Wasserfall ist ein senkrechter Absturz eines Fliessgewässers über eine Stufe. Jeder kann sich bei dieser Definition das Bild eines Wasserfalls machen. Vor Ort findet man hingegen eine Vielzahl unterschiedlicher Wasserfallformen, die oft nur wenig mit dem typischen Wasserfall gemein haben. Um eine Ordnung in diese unterschiedlich geformten Wasserfälle zu bringen, braucht es eine Typisierung. Die hier vorgestellte morphologische Typisierung kann sowohl für Einzelfälle wie auch für Kaskadenstufen verwendet werden.

Fallend oder schiessend
Wasser kann über eine Felswand fallen oder schiessen. Schiessgerinne zählen grundsätzlich nicht zu den Wasserfällen, da das Wasser per Definition fallen muss.

Freifallend oder kaskadenartig
Die Wasserfälle lassen sich nun – aus seitlicher Perspektive – in zwei Haupttypen unterteilen: Den von der Kopfzone bis zur Prallzone freifallenden Wasserfall und den kaskadenartigen Wasserfall, der aus mehreren direkt aufeinanderfolgenden Stufen, mit unmittelbarem Übergang vom Aufprall zum nächsten Fall, besteht und keine Fliessstrecke zwischen den einzelnen Stufen aufweist.

Einfach, mehrfach, deckend oder verzweigt
Aus der frontalen Perspektive lassen sich die freifallenden und die kaskadenartigen Wasserfälle in folgende Typen unterteilen:
Die freifallenden Wasserfälle können einfach, mehrfach oder deckend fallen; die kaskadenartigen Wasserfälle können einfach, mehrfach, verzweigt oder deckend fallen.
Bei letzterer Unterteilung muss auf eine spezifische Problematik hingewiesen werden: Die genannten Formen sind teilweise von der Abflussmenge abhängig. So kann ein Wasserfall bei wenig Wasser aus drei nebeneinanderliegenden Fällen bestehen, bei viel Wasser jedoch zu einem einfachen oder deckenden Fall werden. Die morphologische Typisierung bezieht sich auf eine durchschnittliche Wasserführung. Da die meisten Wasserfälle jedoch nur eine Form annehmen können, ist diese Problematik nur in einzelnen Fällen von Bedeutung.

Wasserfall-Typen, Beispiel
einfach freifallend eF, Leuenfall (Appenzell Innerrhoden)
mehrfach freifallend mF, Cascata di Val Mött (Tessin)
deckend freifallend dF, Berschnerfall (St. Gallen)
einfach kaskadenartig eK, Pissechèvre (Wallis)
mehrfach kaskadenartig mK, Milchbachfälle (Uri)
verzweigt kaskadenartig vK, Oberer Engstligenfall (Bern)
deckend kaskadenartig dK, Rheinfall (Schaffhausen/Zürich)

Verteilung

Die Verteilung der Wasserfälle kann aufgrund verschiedener Kriterien untersucht werden, auf die im Folgenden eingegangen wird:

Die höchsten Wasserfälle der Schweiz
Auf Grund der tektonisch bedingten Stufenlandschaft und der glaziale Erosion, befinden sich die sehr hohen Wasserfälle (über 80 m Fallhöhe) in den helvetischen Decken am Alpennordhang und im Kristallin der penninischen Decken am Alpensüdrand. Hier ist die Reliefenergie am höchsten bei genug grossen Einzugsgebieten. Sowohl im Jura als auch im Mittelland finden sich keine hohen Wasserfälle.
Zudem müssen die Wasserfälle nach Kaskaden und Einzelfällen/Stufen innerhalb von Kaskaden unterschieden werden:

Top 3 Kaskaden
1 Mattenbachfall (Lauterbrunnen BE), 840 m
2 Staldenbachfälle (Lauterbrunnen BE), 630 m
3 Seerenbachfälle (Amden SG), 585 m

Top 10 Einzelfälle/Stufen
1 Mürrenbachfall (Lauterbrunnen BE), 417 m
2 Seerenbachfall II (Amden SG), 305 m
3 Staubbachfall (Lauterbrunnen BE), 297 m
4 Isengrindfall (Mels SG), 230 m
5 Schmadribachfälle (Lauterbrunnen BE), 200 m
6 Lagginafall II (Simplon VS), 192 m
7 Seerenbachfall III (Amden SG), 190 m
8 Hohbachfall (Mels SG), 189 m
9 Bettbachfall (Muotathal SZ), 177 m
10 Geltenbachfall (Lauenen BE), 176 m

Die mächtigsten Wasserfälle der Schweiz
Die abflussstärksten Wasserfälle der Schweiz mit einem durchschnittlichen Wasserabfluss von über 1 m3/s finden sich am Alpennordhang, bedingt durch die grossen Einzugsgebiete und die grössten Niederschlagsmengen. Weitere mächtige Fälle ausserhalb dieses Gebietes sind der Rheinfall oder der Saut du Doubs mit geringer Fallhöhe, aber sehr grossen Einzugsgebieten. Der Rheinfall gilt in Europa als der abflussstärkste Wasserfall. Fast keine mächtigen Fälle findet man in den Zentralalpen und in der Südschweiz.

Die tektonische Verteilung
Die besten Voraussetzungen für die Entstehung eines Fallmachers bieten Regionen, in denen das Gestein eine ausgeprägte Schichtstruktur besitzt. Unterschiedlich harte Schichten, die zudem mehr oder weniger waagrecht liegen, sind für Wasserfälle prädestiniert.
In der Schweiz findet man diese Voraussetzungen insbesondere in den helvetischen Decken, die sich vom südwestlichsten Zipfel des Wallis über den gesamten Alpennordhang bis ins sanktgallische Rheintal ziehen. Sie bestehen ausschliesslich aus Sedimentgesteinen mesozoischen, tertiären und permischen Alters (jünger als 290 Millionen Jahre) und entstanden im Flachwasserbereich am Nordrand der Tethys (Urozean). Es handelt sich hauptsächlich um Kalk, Mergel und Tonschiefer, die unterschiedliche Eigenschaften bezüglich ihres Erosionswiderstands aufweisen. Im Zuge der alpinen Gebirgsbildung wurden diese Sedimentschichten von Süden nach Norden verfrachtet. Die damit einhergehende Faltung, Überschiebung und Abscherung dieser Schichten führte dazu, dass wir heute eine vielfältig strukturierte Stufenlandschaft vorfinden, die von relativ flachen Plateaus und anschliessenden Steilstufen unterbrochen ist.
So ist es auch nicht weiter erstaunlich, dass sich zwei Drittel aller Wasserfälle der Schweiz innerhalb der helvetischen Decken befinden.
Relativ schlechte Voraussetzungen für die Entstehung eines Fallmachers bieten im Gegensatz zu den helvetischen Decken die kristallinen Gesteine. Kristalline Gesteine haben keine ausgeprägte Schichtstruktur und eine homogene Härte. Ein Fliessgewässer erodiert deshalb relativ gleichmässig und erzeugt nur in seltenen Fällen einen Gefällsbruch, der einen Wasserfall entstehen lässt.
In den anderen tektonischen Einheiten der Schweiz können je nach Lage und Schichtung durchaus Wasserfälle entstehen. Deren kleine Zahl hat ihren Grund darin, dass diese Einheiten entweder einen relativ geringen Anteil an der Landesfläche besitzen (vulkanische Gesteine im Südtessin) oder aber in Regionen liegen, die eine geringe Reliefenergie aufweisen (Molasse im Mittelland).

Die regionale Verteilung
Den Ruf des Lauterbrunnentals als «Tal der Wasserfälle» und des Kantons Bern als wasserfallreichsten Kantons der Schweiz kann vollauf bestätigt werden. Fast die Hälfte aller grösseren Wasserfälle der Schweiz befindet sich im Kanton Bern. Zwei Gründe tragen zu diesem Umstand bei: Einerseits ist der Kanton Bern flächenmässig der zweitgrösste Kanton der Schweiz, andererseits liegt der grösste Teil der Berner Alpen innerhalb der helvetischen Decken. Auch die weiteren wasserfallsreichen Kantone liegen entweder innerhalb der helvetischen Decken, oder sie erstrecken sich über grosse Flächen. In den Kantonen des Mittellandes und des Juras (Aargau, Basel, Freiburg, Genf, Jura, Luzern, Solothurn, Thurgau, Zug) finden sich keine grossen Wasserfälle.
Betrachtet man die kantonale Verteilung der Wasserfälle nicht absolut, sondern relativ zur Fläche der Kantone, so ergibt sich ein neues Bild. Der Kanton Glarus, der ausschliesslich in den helvetischen Decken liegt, ist klar der wasserfallreichste Kanton, gefolgt von Uri, Bern, St. Gallen und Obwalden. Am weitesten abgeschlagen rangieren hier Kantone, die ausserhalb der helvetischen Decken liegen und/oder die grosse Wasserkraftanlagen besitzen, welche viele Wasserfälle beeinträchtigen (Graubünden, Wallis).

Verteilung nach Höhenstufen
Wasserfälle finden sich in der Schweiz auf allen Höhenstufen von 400 m ü. M. bis zu Höhen von weit über 2000 m ü. M. Die tiefstgelegenen Fälle sind im Südtessin, am Hangfuss der grossen Alpentäler oder wie der Rheinfall an der Grenze des Mittellandes zum Jura anzutreffen. Die meisten Fälle befinden sich in einer Höhenlage zwischen 1400 und 1800 m ü. M. Hier sind auch die helvetischen Decken am ausgeprägtesten. Über 2000 m ü. M. nimmt die Anzahl der Wasserfälle massiv ab. Die Gründe liegen in den kleineren Einzugsgebieten dieser Höhenstufe und einem Abfluss, der oft nur an den wärmsten Tagen im Jahr aktiv ist.

Einzelfall und Kaskade

Einzelfall: Einzelner Wasserfall in einem Gewässer.

Kaskade: Senkrechter Absturz des Wassers über mehrere kurz aufeinander folgende Stufen, die durch eine Fliessstrecke getrennt sind.

© Schwick & Spichtig (2007): Die Wasserfälle der Schweiz
Definition «Fallmacher»

Die harte Gesteinsschicht, über die ein Wasserfall herabstürzt.

© Schwick & Spichtig (2007): Die Wasserfälle der Schweiz
Einzelfall und Kaskade

Einzelfall: Einzelner Wasserfall in einem Gewässer.

Kaskade: Senkrechter Absturz des Wassers über mehrere kurz aufeinander folgende Stufen, die durch eine Fliessstrecke getrennt sind.

Quelle: Schwick & Spichtig (2007): Die Wasserfälle der Schweiz
Web-Link: www.waterfall.ch

© Schwick & Spichtig (2007): Die Wasserfälle der Schweiz

Textquellen

Über das Thema

Veröffentlichungsdatum

26. November 2010

Letzte Aktualisierung

17. Februar 2023