Eine neue Idee
Anfang des 20. Jahrhunderts wurden Ideen und Pläne entwickelt, um verschiedene Schifffahrtswege durch die Schweiz zu bauen. Eine Schlüsselrolle spielte die Vision der Schweiz als Hub für die Binnenschifffahrt in Europa. Ihr lag die Idee zugrunde, die Kleinheit des Landes zu überwinden, indem man ihm eine Drehscheibenfunktion für den europaweiten Schiffsverkehr verlieh.
Ein Anstoss in diese Richtung wurde von den besonderen Bedingungen und Entwicklungen zu dieser Zeit gegeben: Fortschritte in der Schifffahrtstechnik, die Elektrifizierung und somit die Stauung von Flüssen, die sich auch für die Schifffahrt nutzen liess, der Binnenwasserstrassenbau im Ausland und die Annahme, dass man weiterhin von einem ungebremst hohen Wirtschaftswachstum auszugehen habe.
Projekte
Ein Pionier für die Entwicklung von Schifffahrtswegen in der Schweiz war der Ingenieur Rudolf Gelpke, der im Jahr 1907 seine Vision präsentierte. Konkret sah sein Entwurf folgendes vor:
Wenn man die Topografie der Schweiz betrachtet, ist es klar, dass die Alpen, ein Hindernis für den Schiffsverkehr darstellen. Dementsprechend wurden von den Ingenieuren spezifische Lösungsansätze entwickelt.
1907 präsentiert der Ingenieur Pietro Caminada eine revolutionäre Idee für die Überquerung der Alpen: den sogenannten Splügenkanal. Er wollte Lastschiffe in einem Kanal über den Splügenpass schwimmen lassen. Mit diesem Projekt sollten die Schiffe einen Höhenunterschied von fast 1000 Meter überwinden. Dafür entwickelte er ein spezielles System von Röhrenkanälen und Schleusen. Zum Projekt gehörte sogar einen Tunnel. Caminada schwebt ein durchgängiger Wasserweg von der Nordsee bis zum Mittelmeer vor, der von der Hafenstadt Genua über Alessandria, Mailand, Como, Chiavenna, den Splügenpass und den Bodensee bis nach Basel führt und von dort über den Rhein bis in die Nordsee.
Auch Gelpke beschäftigte sich mit der Überquerung der Alpen. 1916 lancierte er die Idee «eines schiffbaren Vorstosses über das Gotthardmassiv». Die sogenannte «schweizerische Rhein-Gotthard-Wasserstrasse» würde dabei als «eigentliche südliche Fortsetzung der Rheinroute Rotterdam-Basel» fungieren. Konkret schlug Gelpke vor, die Reuss zu kanalisieren und die Grossschifffahrt durch den Zugersee oder über Luzern bis zum Endpunkt Flüelen zu verlängern, wo eine Verladung auf die Gotthardbahn zu erfolgen hätte. In Biasca wiederum war einen zweiter Umladehafen von der Bahn auf das Schiff geplant.
Zu erwähnen ist das Projekt des Transhelvetischen Kanals. Ein Teil des Projektes, der Canal d’Entreroches wurde zwischen 1638 und 1648 gebaut und bis 1829 für die Handelsschifffahrt zwischen Cossonay und Yverdon genutzt.
Die Idee einer kompletten Verbindung zwischen Rhein und Rhône, via Bieler- und Neuenburgersee wurde dann auch von Gelpke im Jahr 1907 präsentiert, und im Dezember 1947 beteiligte sich sogar der Bund an der Ausarbeitung von zusätzlichen Studien.
Es folgten 1956, 1965 und 1971 drei weitere Studien des Bundes, die immer deutlicher den Schluss zogen, dass der Kanal zu teuer, unnütz und unrentabel sei. Es dauerte noch bis 1996, bis der Bund einen endgültigen Schlussstrich unter das Projekt zog – auf regionaler Ebene dauerte es sogar noch länger. Bis 2006 gab es in der Waadt ein Gesetz das entlang der Strecke des Transhelvetischen Kanals keine Bauten erlaubte, die die Schifffahrt dereinst behindern könnten.
Die Region Zürich war ebenfalls von der Planung von neuen Wasserstrassen betroffen. 1912 präsentierte Rudolf Gelpke zwei mögliche Varianten: über Aare und Limmat in die Stadt, oder Glatt-aufwärts bis Oerlikon oder Schwerzenbach. Mit dieser zweiten Variante wäre noch ein Tunnel durch den Zürichberg nötig gewesen.
Ideen gab es für den Bau von Wasserstrassen auch in den Nachbarländern, die eine wichtige Rolle für das Wasserverkehrssystem in der Schweiz spielen sollten. Der im Jahr 1907 von Gelpke vorgeschlagene Anschluss «Lago Maggiore – Po» sollte die Schweiz besser mit Italien und mit der Adria verbinden, und der Ausbau der Rohne wäre wichtig gewesen für die Verbindung des Transhelvetischen Kanals mit dem Mittelmeer. Es wurden zudem zwei Projekte vorgestellt, für eine Verbindung zwischen Bodensee und Donau. Die hätten der Schweiz eine neue Verbindung Richtung Osten ermöglicht.
Innerhalb der Schweiz wurde ausserdem über die Verbindung Rheinau – Schaffhausen zur Umschiffung des Rheinfalls diskutiert und mehrere Varianten wurden dafür vorgeschlagen.
Ein Misserfolg
Von den vielen vorgeschlagen Projekten und Varianten wurde praktisch nichts realisiert. Mehrere Gründe können diesen Misserfolg erklären. Wegen seiner zentralen Position in Europa hätten auch die Nachbarländer der Schweiz in Wasserwegprojekte investieren sollen: der Transhelvetische Kanal hätte nur eine Chance gehabt, wenn Frankreich die Rhone bis an die Schweizer Grenze schiffbar gemacht hätte, für den Ausbau des Hochrheins wäre das Mitwirken Deutschlands entscheidend gewesen. Diese zwei Vorbedingungen fielen durch die beiden Weltkriege aus. Nach dem zweiten Weltkrieg begann das Interesse an diesen Projekten zu schwinden. Sie verloren zugunsten anderer Herausforderungen wie dem Nationalstrassenbau an Popularität. Als zusätzliches Hindernis kam hinzu, dass sich Anfang der Fünfzigerjahre der Natur- und Heimatschutz zu einem gewichtigen Gegner entwickelte, sowie die Kosten die allgemein zu hoch waren.
25. August 2023
14. April 2025
Dieses Thema enthält Darstellungen, die der Web-Atlas noch nicht unterstützt. Sie können es im Desktop-Atlas auf Ihrem Computer öffnen.
Noch nicht installiert? Desktop-Atlas herunterladen