Prähistorische Pfahlbauten um die Alpen

Kategorien: Geschichte und Zukunft › Historische Infrastruktur

Serielle und transnationale Welterbestätte seit 2011

Der Begriff Pfahlbauten bezeichnet Gebäude aus Holz, die auf Pfählen in oder an Seen, Flüssen oder auch in Mooren und anderen Feuchtgebieten gebaut wurden. Urgeschichtliche Pfahlbauten sind in Europa aus dem zirkumalpinen Raum, vom Balkan, der Iberischen Halbinsel, der Apenninenhalbinsel sowie von nordosteuropäischen Seen und Sümpfen bekannt. Die bisher ältesten dieser urgeschichtlichen Pfahlbauten datieren gemäss Radiokarbon-Datierung um ca. 6000 v. Chr. und liegen an den Ufern des Ohridsees im heutigen Albanien. Zu den bisher jüngsten urgeschichtlichen Pfahlbauten gehören die Pfahlbauten der Roseninsel im Starnberger See. Sie datieren in die Eisenzeit um ca. 500 v. Chr. Pfahlbauten sind aber heute noch als traditionelle Wohnarchitektur verbreitet, beispielsweise in Südostasien sowie auf den Inseln Neuguinea und Chiloé. Das Konzept auf hölzernen Pfählen zu bauen, findet sich zudem auch in moderner Architektur.

Aus dem zirkumalpinen Raum sind über 1000 Pfahlbaufundstellen aus der Zeit zwischen 5000 und 500 v. Chr. bekannt. Diese Zeitspanne umfasst gleich drei Epochen, die Jungsteinzeit (Neolithikum), die Bronzezeit und die beginnende Eisenzeit. Die Erforschung der Pfahlbauten nimmt Mitte des 19. Jh. ihren Anfang, als im extrem trockenen Winter 1853/1854 der Wasserspiegel des Zürichsees stark absank und Pfahlfelder mit einer Vielzahl von Funden freilagen. In der Folge entbrannte ein regelrechtes «Pfahlbaufieber». Auch in anderen Seen des Alpenraums wurden Pfahlbauten gefunden. Nach und nach bildete sich die Pfahlbauforschung als eigener Forschungszweig heraus, der heute in enger Zusammenarbeit mit der Unterwasser- und Feuchtbodenarchäologie eine Vielzahl verschiedener Methoden und (naturwissenschaftlicher) Analyseverfahren bei der Untersuchung von Fundstellen und Funden einsetzt.

Stellvertretend für das ganze Pfahlbau-Phänomen wurden 2011 111 dieser Fundstellen als «Prähistorische Pfahlbauten um die Alpen» in die Welterbeliste der UNESCO eingeschrieben. An der seriellen und transnationalen Welterbestätte sind sechs Länder – die Schweiz (56), Italien (19), Deutschland (18), Frankreich (11), Österreich (5) und Slowenien (2) beteiligt.

Die 56 eingeschriebenen Fundstellen in der Schweiz verteilen sich auf die Kantone Aargau, Bern, Freiburg, Genf, Luzern, Neuenburg, Nidwalden, Schaffhausen, Schwyz, Solothurn, St.Gallen, Thurgau, Waadt, Zürich und Zug. Sie sind sowohl an grossen Seen wie Genfersee, Zürichsee, Vierwaldstättersee und Bodensee, als auch an Kleinseen wie beispielsweise dem Lobsigensee (BE), Hallwilersee (AG) und Inkwilersee (SO)zu finden. Einige Fundstellen sind in (heutigen) Mooren (beispielsweise Wauwilermoos (LU)) beziehungsweise im heutigen Hinterland der Seen nachgewiesen wie zum Beispiel am Zugersee.

Die Lage am oder unter Wasser ist der Grund, warum Reste der Pfahlbauten über die Jahrtausende bis heute überliefert worden sind. Die feuchte und anaerobe Umgebung bietet hervorragende Erhaltungsbedingungen für organisches Material wie Holz, Pflanzenfasern, Samen, Pollen und vieles mehr. Die Pfahlbaufundstellen geben so einen einzigartigen Einblick ins Handwerk, die Ernährung und den Alltag der frühen Agrargesellschaften Mitteleuropas sowie auch in den Verkehr und den Austausch über die Alpen über einen Zeitraum von fast 5000 Jahren– von der Jungsteinzeit bis in die frühen Metallzeiten.

Die Analyse von Pollen, Samen und Hölzern macht es möglich die damalige Landschaft, ihren Bewuchs und ihre wirtschaftliche Nutzung zu rekonstruieren sowie ihre Entwicklung zu verfolgen und die Wechselbeziehung von Mensch und Umwelt nachzuvollziehen.

Einige der bedeutendsten Innovationen wie die Nutzung des Scheibenrads oder die Entwicklung der Kupfer- und später Bronzemetallurgie im Alpenraum fallen in diese Zeit. Aus Pfahlbausiedlungen sind auch zahlreiche Funde von Rädern, Gussformen sowie (Halb)fabrikaten bekannt.

Einbäume, Netze, Angelhaken und Reusen liefern Erkenntnisse über Fischfang aber auch die Nutzung von Seen und Flüssen als Verkehrswege.

Funde von Bastschuhen, Hüten, Mänteln oder auch feingearbeitetem Holzgeschirr, hölzernen Werkzeugschäften, Holzpflügen und -schleifen zeigen technisches Knowhow und Geschick.

Aufgrund dieser Funde lassen sich Verbindungen zwischen den Pfahlbauten und Motiven der zahlreichen bildlichen Darstellungen des Alpenraums herstellen. Solche sind beispielsweise in Form der Felsbilder des Valcamonica (IT, ebenfalls UNESCO Welterbe) oder der Steinstelen des Aostatals (IT) und Sion (CH) bekannt. Sie zeigen unter anderem Darstellungen von Wagen, Rädern, Pflügen, Häusern und anderen Gegenständen aus Holz, die so aus den Pfahlbausiedlungen überliefert sind.

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Dateneigner: International & Swiss Coordination Group UNESCO Palafittes

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